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Steak oder Gemüse? Wirtschaften unter Preisdruck oder mit dem Solidaritätsprinzip?

Wir, der Erdkunde Kurs der Q1, haben uns gefragt, wie verschiedene landwirtschaftliche Betriebe in der Region arbeiten und wie zukunftsfähig diese im Hinblick auf die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung sind.

Zuerst waren wir bei dem konventionell wirtschaftenden Landwirt Johannes Richter in Havixbeck. Sein Betrieb ist auf Bullen-, Schweine- und Hähnchenmast spezialisiert. Außerdem betreibt er auf einer Fläche von 240 ha Ackerbau, besitzt eine Biogasanlage, in der er die anfallende Gülle verwertet und hat eine PV-Anlage. Auf dem Acker, den er bewirtschaftet, baut er Silomais, Ackerbohnen, Weizen, Gerste und TCM an. Diese werden überwiegend für die Futterproduktion der Tiere genutzt, deshalb ist sein Betrieb als Veredlungsbetrieb einzuordnen. Außerdem baut er Kartoffeln an, die direkt vermarktet werden und zur Pommes-Produktion genutzt werden. Ungewöhnlich an seinem Betrieb ist die Tiervielfalt, da es im Münsterland eher verbreitet ist, sich auf eine Tierart zu spezialisieren. Ein großer Vorteil davon ist, dass die verschiedenen Betriebszweige, sich finanziell untereinander ausgleichen und eine Absicherung bei niedrigen Preisen oder schwankenden Weltmarktpreisen bieten z.B. drückt die afrikanische Schweinepest gerade erheblich den Preis für Schweinefleisch.

 Der Betrieb hat sich in den letzten 50 Jahren stark verändert. Während in den 1970 Jahren noch Milchkühe gehalten wurden, wurde der Hof 1990 nur noch nebenberuflich mit Schweinemast geführt, dann kam ab 2010 die Hähnchenmast dazu und der Hof wurde wieder zum Haupteinkommen. Nachdem Johannes Richter in den Betrieb eingestiegen ist, wurde die Betriebsfläche vervierfacht und mit dem neuen Bullenstall der Haltungsstufe 3, Technologien, wie z.B. ein Streuroboter, eingeführt. Der Fokus des Betriebs liegt auf effizienter Betriebsführung und Ertragssteigerung, um möglichst viel zu erwirtschaften, da die Gewinnspanne in der Fleischproduktion niedrig ist.

Einen völlig anderen Ansatz hat die SoLawi Crowdsalat in Dülmen, auf dem Welterhof, den wir zwei Wochen später besucht haben. Hier steht nicht der Weltmarkt im Fokus, sondern die direkte Versorgung der Ernteteiler*Innen mit Gemüse der Saison auf eine möglichst transparente und ökologische Art. Die Ernteteiler*Innen sind rund 80 Familien (etwa 200 Menschen) aus der Region. Zu Beginn des Jahres errechnet das Gärtner*Innenteam, zu dem auch Hofbesitzer Sebastian Löbbering gehört, die Kosten für das kommende Wirtschaftsjahr (Saatgut, Löhne und laufende Ausgaben). Die Ernteteiler*Innen entscheiden sich dann anonym für einen, von ihnen ausgewählten Betrag, den sie zahlen können. Insgesamt müssen alle Ernteteilerbeiträge die jährlichen Kosten decken. Im Gegenzug erhalten die Mitglieder wöchentlich einen Anteil der Ernte. Dabei teilen sie nicht nur das Gemüse, sondern auch das Risiko: Fällt die Ernte geringer aus, bekommen alle weniger, fällt im Gegensatz die Ernte gut aus, profitieren ebenfalls alle. Der Anbau erfolgt saisonal und möglichst nachhaltig. Auf nur einem halben Hektar Anbaufläche, werden übers Jahr, über 150 verschiedene Gemüsearten nach dem Market-Garden-Prinzip bodenschonend ohne schwere Maschinen angebaut. Charakteristisch für die SoLawi ist der enge Kontakt zwischen Produzenten und Verbrauchern. Transparenz spielt eine wichtige Rolle: die Mitglieder wissen genau, woher ihre Lebensmittel stammen und wie sie produziert werden, zudem gibt es Mitmachaktionen, Hoffeste und Bildungsangebote.  Überschüssige Ernte wird gespendet, so dass möglichst wenig verschwendet wird. Das Ziel ist eine regionale, ökologische und soziale gerechte Landwirtschaft, unabhängig von schwankenden Weltmarktpreisen und Preisdruck im Lebensmitteleinzelhandel. Statt Konkurrenz steht Kooperation im Mittelpunkt. Die SoLawi verfolgt das Ziel, einen Hof für alles zu haben, daher wollen sie zukünftig Beeren, Nüsse und Obst zu ihrem Angebot hinzufügen.

Die Exkursionen verdeutlichen den Strukturwandel in der Landwirtschaft. Während größere Betriebe wie der Betrieb Richter auf Wachstum, Technik und Markt-Anbindung setzen, basiert die solidarische Landwirtschaft auf Gemeinschaft, Regionalität und Risikoteilung.

Uns haben die Exkursionen gezeigt, dass es mehrere Wege in die Zukunft gibt und dass es an uns Verbrauchern liegt, welche Produktionsweise und Produkte wir unterstützen wollen.

Valeria Rempel und Lotte Gravermann

In der SoLawi ist Mitarbeit bei der Beetvorbereitung angesagt.